Fronleichnam

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In diesem Jahr fand in unseren Gemeinden St. Otto und Herz Jesu nur eine Fronleichnamsprozession statt, nämlich in St. Otto. Das Fronleichnamsfest, eine nachträgliche festliche Würdigung der Einsetzung der Eucharistie am Gründonnerstag, wird 60 Tage nach Ostern gefeiert. Dieser Tag, der 20. Juni, war aber in diesem Jahr in Berlin bereits der erste Tag der Schul-Sommerferien, so dass auch der darauf folgende Sonntag, an dem in den Pfarreien das Fronleichnamsfest mit Prozessionen nachgefeiert wird, in den Ferien lag. Damit waren so viele Familien verreist, dass aus Personalmangel die Fronleichnamsprozession in Herz Jesu ausfallen musste. In St. Otto jedoch fanden sich Menschen, die die mit einer Prozession verbundenen Aufgaben übernahmen: Männer aus der Gruppe „Halbzeit“ errichteten die Statio auf dem Sandmeyerplatz. Vater und Söhne Guhl mit Tobias Eberhardt trugen den Baldachin, „Himmel“ genannt. Firmlinge unter der Anleitung von Martin Rosenbach übernahmen die Straßensicherung. Es gab auch Ministranten. Sie nahmen mich für diesmal in ihre Reihe auf, weil ein Kreuzträger fehlte. Zur Erhöhung der Festlichkeit sang der Kirchenchor die Missa Parochialis von Wolfram Menschick. Die Blechbläser, die diese Messe begleiteten, zogen – ebenso wie der Kirchenchor – auch bei der Prozession mit und verstärkten die Prozessionsgesänge. So konnte dann Pfarrer Mertz das Allerheiligste eine Runde ums St.-Otto-Karrée, bis zum Sandmeyerplatz und zurück, tragen.

Aber warum dieser Aufwand?

Das Fest geht auf eine Vision der heiligen Juliana von Lüttich (niederrheinisch-belgisches Grenzgebiet) im Jahr 1209 zurück. Es wird 1246 erstmalig in Lüttich gefeiert. 1264 wird es von Papst Urban IV. dem kirchlichen Festkalender hinzugefügt. Die erste Fronleichnamsprozession fand in Köln im Jahr 1279 statt. Es geht bei dem Fest um die bleibende Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie.

Was das bedeuten kann, wurde mir blitzartig bewusst, als ich in diesem Jahr in Köln in der Fronleichnamsprozession mitzog. Der Weg führte an einem modernen, kahlen, hohen Gebäude vorbei, in dessen Sockelbereich Ruinenreste eingearbeitet sind. „Madonna in den Trümmern“ lautet die Aufschrift. Die Trümmerreste gehören zu dem Wenigen, was nach der Bombardierung Kölns im Zweiten Weltkrieg von der Kirche St. Kolumba, einer der einst größten Kölner Pfarrkirchen, die auf das Jahr 980 zurückgeht, übrig geblieben ist. Erhalten geblieben ist außerdem eine spätmittelalterliche Marienstatue, „Madonna in den Trümmern“. Nach dem Krieg wurde für sie eine Kapelle diesen Namens dort errichtet, wo zuvor die Kirche St. Kolumba gestanden hatte. Bei dem modernen Bau, in den diese Kapelle heute integriert ist, handelt es sich um das Kolumba-Museum. Dort am Prozessionsweg stand eine andere Muttergottes aus Köln um 1400. Der Boden um sie herum war über und über mit echten Rosen bedeckt. Ein dem ursprünglichen Kontext entzogenes Museumsstück war von den Mitarbeitern des Museums zur Verehrung der Eucharistie wieder in den liturgischen Kontext der Fronleichnamsprozession gebracht worden. Die Prozession zog daran vorbei. Gern wäre ich stehen geblieben, aber die Gläubigen waren gehalten, stetig weiterzugehen.

Die Trümmerreste und die Kollegin der daraus geborgenen Maria betrachtend wurde mir die Verletzlichkeit all dessen, was ist, aber auch die Lebenskraft des Glaubens heftig bewusst. Damals Köln und heute all die aktuellen Schauplätze der Zerstörung durch Krieg und Gewalt, aber auch menschlicher Fahrlässigkeit, wie z.B. Notre Dame in Paris.

Wir sangen bei unserer Prozession in St. Otto das Lied „Erde, singe“. Die zweite Strophe lautet: „Kreaturen auf den Fluren, / huldigt ihm mit Jubelruf! / Ihr im Meere, preist die Ehre / dessen, der aus nichts euch schuf! / Was auf Erden ist und lebet, / was in hohen Lüften schwebet, / lob ihn! Er haucht ja allein Leben ein.“ Ein Artensterben im Ausmaß des Aussterbens der Saurier ist im Gange. Adieu, Bienen, Schmetterlinge, Vögel! Die Meere sind verdreckt mit Plastikmüll. Ihre Bewohner fressen ihn und verenden an Plastikmagen.

Das Leben ist gefährdet, 980, 1279, 1944 und heute. Was kann man tun? Fast nichts, denn das Ausmaß ist zu groß und die Zusammenhänge zu kompliziert. Aber eins kann man ganz gewiss: Alles, was existiert, was uns lieb ist, Natur und Kultur, dem auferstandenen Christus ans Herz legen. Wir können es in einer Prozession dem zeigen, dessen bleibende Gegenwart uns zugesagt ist im Sakrament der Eucharistie.

Ute Juliana Maria Rosenbach